(© Schriftsteller Christian Vogt)
Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise einige Jahre vergangen waren - stetig von Ort zu Ort, von Besitzer zu Besitzer, von Gestalt zu Gestalt. Der Tisch existierte schon lange nicht mehr, über andere Zwischenstationen war er zu einem einfachen Stuhl geworden. Aber überall hatten die neu gewonnenen Kameraden von ihm den gleichen Satz vernommen: "Ich habe nicht vor, hier zu bleiben. Ich möchte weiter zu meinem Irgendwo!" Und jene Kameraden bestätigten die sich im Umlauf befindenden Gerüchte von dem Irgendwo und erzählten ausgiebig von ihren dortigen Erlebnissen. Oh wie wurde sich stets gefreut, von dem gelobten Land zu hören.
Sein letzter Eigentümer hatte irgendwann Mitleid mit dem in die Jahre gekommenden Stuhl und brachte ihn statt zum Sperrmüll des Nachts in einen Wald, wo schon andere Möbelstücke herumlagen. Der Stuhl erwachte, als ihn die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zu wärmen begannen. "Wo bin ich hier?", fragte er verwundert. "Irgendwo in einem Wald", lautete die einstimmige Antwort der ihn umgebenden Bäume. Der Stuhl konnte es gar nicht fassen, dass er nach all diesen beschwerlichen Jahren endlich am Ziel seiner Reise angekommen zu sein schien: "Dies war also sein Irgendwo!!!", jauchzte er, und begann vor Freude auf seinen vier Beinen zu tanzen.
Der Stuhl betrachte nun sein bezauberndes Irgendwo: Es war Frühling, die Äste bildeten frische grüne Blätter, die Strahlen der Sonne verwöhnten die Wipfel der Bäume und der säuselnde Wind ließ die Stämme leicht hin- und herwiegen. Und von einer Lichtung aus blinzelte ihm eine Stühlin freudig zu ... . Und obwohl eines Tages auch der Stuhl nicht mehr existierte, erzählten sich die Bäume und Tiere des Waldes noch von Generation zu Generation die Geschichte von dem Baum, der den geheimnissvollen Vogel traf, der Winter für Winter Schneeflocken einfing, dann wegen seiner Träume letztendlich zum Stuhl wurde, um schließlich sein Irgendwo dort zu finden, wo er es am allerwenigsten vermutet hatte: "In der Heimat!"
